Vor vier Jahren haben meine Frau und ich beschlossen, nach Berlin zu ziehen. Wenn man eine Weile in einem anderen Land lebt, kommt man irgendwann an den Punkt, an dem man sich fragt, warum man eigentlich von zuhause fort ist:  Das Befremden nimmt zu und das anfängliche Staunen und die Aufgeregtheit klingen ab. Manche Irritation tritt jedoch erst zutage, sobald man gelernt hat, in seine Mitmenschen hineinzusehen. So fiel mir erst vor Kurzem auf, dass deutsche Kassiererinnen viel mürrischer sind als ihre Kolleginnen in den Niederlanden.  Sie flirten nicht, sie scherzen nicht und schauen dich kaum an.  Sie sind auch selten faszinierend, hochgebildet, sexy oder exotisch.

Jetzt noch rasch meine beiden letzten Kritikpunkte abhandeln, dann bin ich damit durch: Deutsche naschen zu viel Gummibärchen aus Bonn und grillen oft Bratwürte aus Thüringen. Zum Glück bin ich aber meist einfach nur froh, dass wir uns für ein Leben in Deutschland entschieden haben. Zum Beispiel wegen des Braun-Feldwegpreises: Der Preis illustriert, warum ein von Berufs wegen an Design interessierter Mensch nach Deutschland gehen sollte, denn der Braun-Feldwegpreis zeigt das Beste, was deutsche Designkultur zu bieten hat.

Wo in der Welt schreiben Designstudenten mehr als 10.000 Wörter? Wo in der Welt nimmt man sich so viel Zeit im Designbetrieb, um Texte zu besprechen und zu beurteilen? Die Unlust zu Schreiben ist übrigens nicht nur ein Problem von Studenten. Für anerkannte Designer gilt genau dasselbe: Auch sie vermeiden es nach Möglichkeit Es liegt wohl daran, dass an Hochschulen für Design relativ viel Dyslexie vorkommt.

Kunstakademien üben offenbar eine hohe Anziehungskraft auf Menschen mit mäßig ausgeprägtem Sprachgefühl aus.Es ist also kein Zufall, dass unsere Berufsgruppe nicht gerne zur Feder greift. Heutzutage kommen Studenten an Unmengen von Bildern heran, die sie sortieren, bearbeiten und publizieren. Ebenso mühelos präsentieren sie diese Bilderflut einem Publikum oder dem Dozenten.

Bilderfight
Und ist Ihnen schon aufgefallen, dass auf Design-Symposien ein richtiger Bilderfight im Gange ist? Früher zeigten Designer während eines Vortrags etwa 20 Dias. Einen Schlitten nannten wir das. Heute ist es keine Ausnahme mehr, wenn pro Vortrag 50 Bilder an die Wand geworfen werden und manchmal sogar über 100 Bilder, auf zwei Bildschirmen gleichzeitig.

Wenn ich als Moderator den Vortragenden auf die Fülle seines Bildmaterials anspreche, bekomme ich zu hören: „Ja, aber ich bin wirklich schnell“. Als wäre es eine Kunst, diese Bilderflut in rasendem Tempo vorzuführen.  Stellen sie sich einen Chefkoch vor, der Ihnen ein 30-Gänge-Menü in 20 Minuten auftischen will mit der Aussage: „Ja, aber ich bin wirklich schnell“.

Neuland- oder Biobild-Label

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Ich glaube, es sollte auch in der Bildkultur eine Art “Neuland- oder Biobild-Label” geben: Um sicher zu gehen, dass die Motive mit Sorgfalt behandelt, mit Respekt aufgenommen und hinsichtlich die Urheberrechte alles geregelt ist.  Mit Respekt aufgenommen bedeutet beispielsweise: keine Bilder von Terroranschlägen und Attentätern.
Es ist würdelos, dass alle ein Bild von Anders Breivik im Kopf hat.
Eine Google-Search-Anfrage liefert hier 600.000 Abbildungen.Noch schlimmer ist es, dass wohl jeder die Krawatte dieses Mannes kennt, die er während des Prozesses um hatte. Ich wünschte, ich hätte dieses Bild nie gesehen, aber es war nicht möglich, darum herum zu kommen. Eben gerade weil es in der Bildkultur kein Biobild oder Fair-Trade-Bild gibt.

Das einzige, was kritische Bildkonsumenten tun können, ist, sich in Formen von Abstinenz zu üben.  Kein Fernsehen, keine Computerspiele, kein Durchblättern von Zeitschriften und kein Zeitungslesen.  Vielleicht bleibt einem dann Breiviks Krawatte erspart. Einfach ist das nicht. In der Bildkultur gibt es nämlich keine Moral, kein Gewissen und kaum Reglementierungen.  Es herrscht scheinbar völlige Gleichwertigkeit und Demokratie.  Ein mit einem Handy aufgenommener Schnappschuss kann es mit einem inszenierten Bild aufnehmen, in dem eine Woche Arbeit steckt.  Und ein Urlaubsfoto kommt im Internet zur gleichen Geltung wie ein Gemälde von Vermeer.  Wahrscheinlich sind Bilder deshalb für Studenten so attraktiv: freier Zugang und keine Hierarchie.

Texten
Bei der Erstellung eines Textes gelten andere Maßstäbe.  Worte lassen sich eben nicht ganz so leicht produzieren wie Bilder.  Doch nicht jedem gelingt ein guter Text.  Bei einem Text von mehr als 1000 Wörtern muss man sich ganz präzise ausdrücken.  Man braucht eine Idee, eine Motivation, ein Argument und eine Gliederung.  Der Schreibprozess verlangt Ausdauer, Konzentration, Kreativität und wenn möglich: Humor.

bio-beeldWer einen Text schreibt, lässt sich in seinen Kopf schauen und gerade das scheuen die meisten Designer.  Denn erst dann zeigen sich ein
Mangel an Vision und Motivation, an historischen Kenntnissen und an Kritik.  In einem ausgefeilten Text offenbaren sich Charaktereigenschaften und Schwächen des Verfassers.
Ist er kreativ, sorgfältig, nachlässig oder mutig?
Ist er eitel oder hat er einen hohen wissenschaftlichen Anspruch?
Gelingt es dem Autor, Wesentliches von Nebensächlichkeiten zu unterscheiden?
Verfügt er über Sprachgefühl und – sehr wichtig – – hat er Sinn für Humor?

Bilderlassen sich retuschieren, das gedruckte Wort aber kann entlarven.  Die Fähigkeit des Schreibens ist also auch in der Designerwelt ein Zeichen von Können.  In einer Designkultur, die sich immer weiter auf die überwältigende Bildkultur zubewegt,  ist es wichtig, dem Fach mehr Tiefe zu verleihen.  Ein Preis ist ein gutes Instrument, um auf gute Texte aufmerksam zu machen und das Schreiben anzuregen. Denn: Kreativität manifestiert sich natürlich auch in Texten, nicht nur in Bildern.

Preisträger Moritz Grund
moritzDer diesjährige Preisträger Moritz Grund macht dies auf eindrückliche Weise deutlich.  Seinen Gedankengängen zu folgen, ist ein Vergnügen.  Einhundert ist ein Text, in dem zuerst ein Gedanke entfaltet wird, und die Handlung dann folgt.  Der Text sticht deshalb heraus, weil es sich nicht um eine klassische Designkritik oder Entwurfsbesprechung handelt.  Es ist ein aktivistischer Text über eine persönliche Erfahrung des Verfassers. Wir wir in die Beziehung ein,  die der junge Gestalter Moritz Grund zu seinen Habseligkeiten, Dingen, Objekten, Produkten hat.

Eine sorgsame und liebevolle Beziehung des Verbrauchers zum Produkt ist der Schlüssel zu dauerhaften Gebrauch. Durch ein sich selbst auferlegtes Limit, nur 100 Dinge zu besitzen,  fokussiert sich der Verfasser auf die Beziehung zwischen Verbraucher und Produkt.  Die nur scheinbar bizarre Therapie, mit 100 Dingen ein normales Leben zu führen, ist wertvoll und attraktiv.  Wenn man sich jedem Objekt mit Respekt nähert, wird man automatisch nichts kaufen, was man nicht braucht.  Man wird also nichts kaufen, was man nach nur einem Mal Benutzen wieder wegwerfen würde,  wie einen Pappbecher oder ein Papiertaschentuch.  Man wird bestimmte Produkte nur für bestimmte Zwecke verwenden.  Vor allem wird man sich fragen, ob man dieses Produkt auch wirklich benötigt und was man sonst noch mit ihm anfangen kann.  Was könnte man beispielsweise mit ihm machen, wenn man es umdreht oder verkehrt herum hält?  Kurz und gut,  man wird nachdenken, ob dieses Produkt das eigene Leben wirklich bereichert.  Moritz Grund geht dem in seinem zugänglichen Text nach.

Designforschung
Unter Kollegen wird ausgiebig darüber diskutiert, was Designforschung eigentlich ist.  Ich habe mich während meiner Zeit als Professor für Produktdesign in Rotterdam rege daran beteiligt.  Im Vergleich zu den klassischen Wissenschaften gibt es im Fachbereich Design nur wenig Forschungseifer.  Und als Designer promoviert man nur selten. Das Thema wirft viele Fragen auf,:  Ist Designforschung rein beschreibend wie etwa die Designkritik?  Kann ein Entwurf, ein Produkt als wissenschaftliche Leistung gelten?  Was ist der Unterschied zwischen analytischem Gestalten und gestalterischer Analyse?  Muss Designforschung systematisch sein, und wenn ja: Was bedeutet das für den Entwurfsprozess?  Muss der Entwurfsprozess zudem in einem wissenschaftlichen Kontext nachvollziehbar sein?  Bedeutet dies zugleich, dass man Produktqualität durch die gerade beschriebenen Methoden erzielen kann?    Es liegt auf der Hand, dass ich jetzt eine mehr wissenschaftlich geprägte Designforschung fordern müsste.

Ist Design überhaupt eine Wissenschaft? 
Aber das werde ich nicht tun. Der schreibende Designer, der diesen Preis lebendig macht, braucht nicht unbedingt einen wissenschaftlichen Kontext. Denn der Knackpunkt bleibt der Entwurfsprozess. Kann sich die formgebende Disziplin gegenüber der Wissenschaft behaupten?  Ist Design überhaupt eine Wissenschaft? Meine Antwort lautet: Nein.  Die meisten universitären Designausbildungen stehen mit der dazugehörenden wissenschaftlichen Herangehensweise auf Kriegsfuß.  Sogar im Fachbereich Architektur wird diese Diskussion regelmäßig aufs Neue geführt.  Kern des Gestaltens ist die Kreativität, darin sind sich alle einig.  Aber gerade das lässt sich wissenschaftlich nicht belegen.  Kreativität lässt sich nicht beweisen..  Kreativität kann man vielleicht gerade noch als neurobiologische Eigenschaft beschreiben, wenn man damit die Flexibilität des Gehirns meint.  Aber Kreativität hervorrufen, kreative Prozesse wiederholen, Kreativität steuern,  das funktioniert nicht.

Jeder gelungene Entwurfsprozess hat auch etwas Unlogisches und nicht Vorhersagbares an sich. Große Teile des Prozesses lassen sich in Entwürfen formalisieren,  ein wichtiger Funke aber wird nie wissenschaftlich zu erklären sein.  Ich weiß, dass ich mich mit dieser Auffassung nicht gerade beliebt mache,  aber ich bin davon überzeugt, dass Design im Grunde ein unwissenschaftliches Fach ist.  Der Beruf beinhaltet künstlerische Disziplinen, wie Bildhauerei und Malerei, außerdem Management, soziales Geschick, Prozessentwicklung und Planung. Manches davon lässt sich wissenschaftlich verankern, anderes nicht.

Zurück zum Anfang.  Wer an niederländische Exportschlager denkt, denkt an Käse, Marihuana und Tulpen.  Aber außer diesen Leckereien liefern wir Fußballstars, Designer und Design-kritiker.  Design-Kritiker fühlen sich sehr geschmeichelt und glücklich, wenn sie dazu aufgefordert werden,  über die Fragen ihres Fachgebiets nachzudenken.  Ich habe großen Respekt vor der Ruhe und Sorgfalt, mit der meine deutschen Kollegen die Debatte führen und freue mich,  dass ich nun daran teilhaben darf.  Genau wie Fußballspieler werden auch Kritiker meist besser, wenn sie ihren Beruf in einer anderen Kultur ausüben.  weil die neuen Lebensumstände etwas anderes von ihnen verlangen und man sich anpassen und beweisen muss.  Und deshalb rufe ich aus: Lang lebe die deutsche Designkultur, lang lebe der Braun-Feldwegpreis, lang lebe Moritz Grund – und lang lebe die deutsche Diskussionsfreude.